Gedanken-Puzzle

weil alle Themen ineinander greifen

Aphantasie: (nahezu) geistige Erblindung

2204 Wörter
(15 MIN. LESEZEIT)

Es ist eigenartig nach so vielen Jahren etwas über sich zu lernen, bei dem man gar nicht gedacht hätte, dass es anders sein könnte. Wie viele andere, habe ich nie gewusst, wie „Fantasten“ wirklich visualisieren und ich das offenbar gar nicht kann…denn offenbar hab ich Aphantasie.

zu 99% „blind“

Wie der Name Aphantasie schon vermuten lässt, handelt es sich hier um eine Sonderform – keine Krankheit – der Fantasie oder auch Vorstellungskraft. Nur muss man erst einmal wissen, ob man das kann. In der Regel wird davon ausgegangen, dass jeder Bilder in seinem Kopf hat. Damit man sich selbst ein „Bild“ davon machen kann, gebe ich nachfolgend ein paar Beispiele aus meinem Alltag.

Beispiel 1 – keine rosa Elefanten in sicht

Jahre zuvor, als ich meine Frau gerade kennengelernt hatte, unterhielten wir uns über einen gewissen „Zwang“ sich Dinge vorstellen zu müssen. Unser Beispiel war der Satz: „Denk nicht an rosa Elefanten.“ Ich erwiderte schnell darauf, dass ich das nicht täte, was sie mir nicht glauben konnte, denn sie konnte an nichts anderes denken. Darüber diskutierten wir dann eine Weile, kamen aber zu keinem Ergebnis und beließen es dabei.

Ich stellte mir selbst einige Fragen, wie: ‚Muss man denn alles vor seinem geistigen Auge sehen? Ist es so, dass ich einfach nicht weiß, wie ein rosa Elefant aussehen soll?’

Ich konnte mich sehr undeutlich an eine Szene aus Dumbo erinnern, der als man ihn alkoholisiert hatte, im Rausch alptraumhafte bunte und auch rosa Elefanten sah. Den Film habe ich als Kind ein einziges Mal gesehen und diese Erinnerung daran ist äußerst verschwommen.

Wenn ich mir aber einen echten Elefanten rosa angemalt vorstellen soll, muss ich passen, denn ich kann nicht mal die normale Version richtig visualisieren…

Beispiel 2 – Vertraute Personen/Dinge

Bei vertrauten Menschen oder Gegenständen kann ich zwar manchmal unwillkürlich so etwas wie „Passbilder“ oder „Polaroids“ für einen Bruchteil erinnern, aber auch die werden sofort undeutlich und unscharf bis sie durch Schwärze ersetzt werden.

Von komplexen Szenen brauchen wir gar nicht erst reden. Wenn ich manchmal abends versuche mir etwas entspannendes vorzustellen, um besser einschlafen zu können, falle ich eher ins Koma, bevor mein geistiges Auge ein brauchbares Bild auswirft.

Beispiel 3 – grafische missverständnisse

Als ich vor einiger Zeit mit meinem Kollegen, der ebenfalls gelernter Mediengestalter ist, über ein Design sprach, habe ich ihm versucht zu erklären, dass ich nie eine klare bildliche Vorstellung von dem habe, was ich produzieren will, sondern es eher wie eine wage, schemenhafte Idee oder ein Gefühl ist, auf dessen Grundlage ich handele. Das Resultat von dieser Unterhaltung waren hochgezogene Augenbrauen und Unverständnis, wie so oft…

Als ich mal wieder mit ihm über Vorstellungen diskutierte, wie er sich ein Printprodukt vorgestellt hatte und ich es „sah“, ließ mich anschließend das Thema nicht mehr los.

Ich wollte das jetzt genauer wissen.

weniger fragen, mehr antworten

Bei dem Gedanken an Aphantasie ploppten Fragen auf, wie:

‚Ist das schon immer so gewesen? War ich deswegen in Kunst nicht so berauschend und habe mich auf Musik bzw. Akustik eingeschossen? Ist das immer so oder nur manchmal? Bleibt das so oder kann ich etwas machen?‘

Ich wollte dieses weitere Puzzleteil meiner Selbst finden und herausfinden, was das ist. Schließlich scheint es ja nicht „normal“ zu sein, kaum oder gar nicht visualisieren zu können.

Was ist Aphantasie genau?

Wir können uns eigentlich nur Dinge vorstellen oder miteinander kombinieren, die wir kennen. Deswegen kann meine Frau ja auch an rosa Elefanten denken, obwohl es diese nicht gibt.

Es gibt Menschen, die sich mit dem Phänomen beruflich befassen. In einem Ted Talk wurde auch bereits von einer „Aphantasistin“ dazu gesprochen.

Definition

Die Aphantasie wird medizinisch als eine spezielle Form der Agnosie eingestuft. Das bedeutet ganz allgemein, dass Menschen Dinge „aufrufen“, sie aber nicht visualisieren können.

Die Tatsache, dass man diese Besonderheit in einigen Fällen auch erwerben kann, sei an dieser Stelle noch erwähnt.

Der Neurologe Oliver Sacks ist nach eigener Aussage aufgrund einer Tumor-Operation am Auge nicht mehr „sehend“. Er beschreibt seine eigene Geschichte in dem Buch Das innere Auge – Neue Fallgeschichten.

Tatsächlich wurde diese kognitive Anomalie schon 1880 von Francis Galton erkannt. Seitdem ist allerdings lange Zeit nichts mehr passiert bis im Jahre 2005 Andrew Zeman von einem Mann angesprochen wurde, der aufgrund einer Operation seine Vorstellungskraft verloren hat. Bis dazu näher geforscht wurde, vergingen noch einmal 10 Jahre. Ab 2015 wurde dieses Phänomen offenbar zusehends interessanter.

Wie viele Menschen sind betroffen?

Von diesem Phänomen ist laut einigen Beiträgen jeder 50. Mensch betroffen. Wenn man das allerdings in Zahlen ausdrückt, klingt das verschwindend gering, denn wir reden hier von etwas mehr als 2% der Weltbevölkerung.

Gibt es unterschiedliche Ausprägungen?

Wie bei vielen Merkmalen, bewegen sich die Menschen in unterschiedlichen Spektren. Ich las bei der Recherche von einem Mann, der eine besonders schwere Form haben soll und überhaupt keine Sinneseindrücke abrufen kann. Das muss ziemlich schwer sein, denn an diesen Erinnerungen hängen ja auch oftmals Gefühle.

Auf einer Skala von 1 bis 10 würde ich mein „Sehen“ im Alltag im unteren Drittel einschätzen, da ich eben nur was kurzes, nicht lebendiges und nicht zu komplexes sehen kann. Kombinationen sind auch nicht möglich, da ich es genau so gesehen haben muss.

Beim lesen kam mir der Gedanke, wie weit der Begriff der Phantasie bzw. der Vorstellungskraft in Abgrenzung zur Aphantasie greift. Vorstellungen (siehe Link) beziehen also alle Sinneskanäle mit ein. Mir drängte sich daher die Frage auf, ob nicht mein Gehirn beschädigt, sondern anders verschaltet ist.

Exkurs: unwillkürliches Seherlebnis

Wie andere auf dieser Welt, mag ich weder Spritzen, noch kann ich alles, was mit Verletzungen zu tun hat, sehen bzw. nicht gut verkraften (siehe HSP). Allerdings kann mein Kopf mir aus einer nicht gezeigten Situation ein Horror-Szenario stricken, das ich selbst live nachempfinden darf und muss, wenn ich Pech habe.

An dieser Stelle wären mir rosa Elefanten viel lieber

was löst die angst aus?

Ich habe damals, als ich wissen wollte, ob ich hochsensibel bin, einen Psychologen, der auch HSP behandelt, aufgesucht und in einem Vorgespräch einige Dinge erfahren. Was ich erlebe, nannte er „Angst vor körperlicher Versehrtheit“, das sich auch Traumaphobie oder Traumatophobie nennt.

Was ich situativ erfahre, ist eine Art Panikattacke, die durch plastische Darbietungen hervorgerufen werden, welche (grausame) gewaltvolle Handlungen verherrlicht.
Interessanterweise beeindrucken mich solche Beschreibungen auch in niedergeschriebener Form, obwohl ich mir sonst recht wenig aus Büchern vorzustellen vermag. Das erhärtet meinen Verdacht erhärtet, dass es da noch mehr zu erkunden gibt.

Was den Faktor Angst angeht, so gehe ich an dieser Stelle näher darauf ein.

Wie beispielsweise in diesem Beitrag zu lesen ist, wird Aphantasie in totale und willentliche Aphantasie unterteilt.

Total meint in dem Fall, dass die Vorstellung immer gleich (schlecht) auftritt, also bei 0 gar nicht und bei 3 leicht schemenhaft beispielsweise.

Willentlich hingegen beschreibt, dass es einen kurzen unfreiwilligen  „Funken“ gibt und dieser dann verschwindet, sobald man zu denken beginnt.

In zuvor genannten Beitrag wird erwähnt, dass nach einigen Meinungen die totale Form selten ist, da dies auch das visuelle Träumen beeinträchtigen würde.

Aphantasie betrifft alle möglichen Sinneswahrnehmungen. (siehe Link unten zum Ted Talk).

Was kann ich mir „vorstellen“?

Zum einen denke ich, dass man sich wirklich nur Dinge vorstellen kann, die man irgendwie erlebt hat und diese dann abstrakt verändern und abwandeln kann. Die Dinge abzuändern, ist sicherlich dabei auch ein wichtiger Punkt.

Um es klarer zu sagen: ich weiß oft wie die Dinge aussehen, kann sie auch erkennen, könnte sie wohl auch skizzieren, aber von einem eidetischen (=fotografischen) Gedächtnis bin ich weit weg.

Ich funktioniere offenbar abweichend auf anderen Kanälen. Wie ich bei meinem ausführlichen HSP Beitrag über die Sinne schon gesagt habe, bin ich stark akustisch geprägt.

Stimmenimagination

Vor allem kann ich akustische Muster erkennen und abrufen. Wenn ich etwas lese, habe ich kein Bild, sondern eine Stimme in meinem Kopf und diese kann variieren, aber vor allem kann ich diese wie fast jede mir vertraute Stimme klingen lassen, die in meinem Gedächtnis abgespeichert ist.

Will ich, dass mir die Stimme von Thomas Fritsch (Synchronstimme von Scar, Aslan, Maxwell Sheffield, usw.) etwas vorliest, so ist das kein Problem – schnell das Muster aufgerufen und schon geht es los. Ein „Nachteil“ ist, dass das leise Lesen nie stimmlos ist. Zumindest meine ist anwesend und durch diese Vorstellung verlangsamt sich mein Lesen. Einzig, wenn ich laut vorlese, ist da logischerweise nichts. Allerdings kann es auch passieren, dass ich oftmals nur einen Teil des Vorgelesenen mitbekomme, da der Rest wohl beim Vorleseprozess hinten runter fällt.

Geschmacks- und Geruchserlebnisse

Ein kleines Beispiel dazu vorweg: mir wurde als Kind beigebracht, wie Gerichte zu schmecken haben.

Das heißt ich habe davon eine Probe in meinem Kopf abgespeichert und kann diese auch ganz gut reproduzieren. Soll ich allerdings etwas neues kreieren, dann kann ich auf kein Muster zurückgreifen, und muss ab da an improvisieren, was glücklicherweise oftmals klappt.

So ähnlich funktioniert es auch mit dem Geruchssinn. Ein Ersteindruck des Geruchs wird abgelegt und manifestiert. Rieche ich ein bestimmtes Parfum, so habe ich meist einen kurzen und minimalen Eindruck von der Person in meinem Kopf, bei der ich es gerochen habe. Auch hier ist es kein bewusstes Bild, sondern eher so, dass mir der Name der Person durch den Kopf schießt.

Kompensationsstrategien

Wer nichts „sieht“, wird es sicherlich bewusst oder unbewusst durch Strategien ausgeglichen haben. Einige möchte ich dennoch benennen.

Tatsächlich denke ich, dass sehr viele Menschen, die ein schwach ausgeprägtes inneres Auge besitzen erst recht in kreativen Berufen zu finden sind, da dies befähigt sich selbst ein Bild zu machen.

Weitere mögliche Strategien sind meiner Ansicht nach:

  • Bilderrecherche
  • „Sammelleidenschaft“ als Form der Erinnerungshilfe
    • z.B. Erstellen vieler Fotos und Videos, etc.
  • Erarbeitung einer besseren Merkfähigkeit
    • Training des Detailgedächtnisses
    • Schaffung routinierter Abläufe
  • Verlagerung auf andere Sinne
    • z.B. Nutzung auditiver oder olfaktorischer (=riechen) Quelle, soweit Eindrücke vorhanden sind
  • Fantasie anderer für Kommunikation nutzen
    • durch Erinnerung beim Gegenüber Bilder erzeugen zum besseren Verständnis
  • instinktiv handeln
    • seinem Gefühl in einigen Dingen vertrauen

das gegenteil: hyperphantasie

Hyperphantsie, wie der Name schon verrät, ist der Gegenpol dazu. Hier haben die Menschen eine solche ausgeprägte Phantasie, dass sie Vorstellung von der Realität kaum unterscheiden können. Dies klingt einerseits sehr schön, kann aber je nach Grad unterschiedlich empfunden werden.

Ein mögliches Beispiel aus den Unterhaltungsmedien wäre hier wohl Ally McBeal aus der gleichnamigen Serie, die über eine reiche Innenwelt verfügt, die dem Zuschauer reichlich innerhalb der 5 Staffel vor Augen geführt wird. Dazu zählen Halluzinationen, Imaginationen und Träume.

Fazit

Ich würde mal behaupten, dass die „Betroffenen“ sich nicht immer darüber bewusst sind, dass ihnen was „fehlt“ oder sie es auch nicht weiter „belastet“.

Es gibt Momente, in denen ich mir gern was visuell vorstellen möchte, denn so bin ich immer von konkreten Abbildungen abhängig, damit ich weiß, wovon da geredet wird.

Auch fänd ich es super, wenn ich schon in meinem Geist sehen würde, wo mein Schlüssel sich befindet und ich nicht erst mühsam alle Möglichkeiten ablaufen muss, denn daran erinnern kann ich mich selten.

Ich pflichte allerdings einem anderen „Betroffenen“ bei, dass es viel Freude machen kann, anderen Bilder in den Kopf zu setzen.

Wie ich schon einmal erwähnt habe, konnte und kann ich mir auch nicht merken, wo ich war und was ich gesehen habe. Es ist alles ein „Brei“ in meinem Kopf. Überflüssig zu erwähnen, dass ich froh über moderne Navigationsgeräte bin, die mir sagen, wo ich lang gehen muss. Somit bin ich davon abhängig diese Dinge zu wissen, also wo was steht und wo ich lang muss.

Manchmal denke ich, dass mir diese Unfähigkeit etwas übel genommen wird, aber wie wir jetzt mutmaßlich wissen, kann ich es einfach nicht. Vielleicht stimmt es ja den einen oder anderen milder.

Auch nehme ich an, dass ich deswegen nicht gerade wild darauf bin zu verreisen. Immerhin lebe ich mehr von Emotionen, als von bildlichen Eindrücken und habe meinen Fokus auf Menschen und nicht auf Orte gesetzt.

Allerdings finde ich das mit der Stimmen-Nachahmung total super und möchte das nicht missen.

Update (August 2021)

Die Beschäftigung mit dem Thema Synästhesie ist ein wichtiger Punkt, um die emotionale Ebene der erlebten (emotionalen) Panik näher zu beleuchten.

Weiterführende Links

Beiträge

Spektrum – Aphantasie
ze.tt – Aphantasie
NDR – Aphantasie
heise – Blinde Fantasie
tintenklexx.de – Könntest du Aphantasie haben?

Erklärungen und Erfahrungen anderer

Ted Talk – Aphantasia: Seeing the world without a mind’s eye
Quora – Wie ist es mit Aphantasie zu leben?
AmyRightMeow – I have APHANTASIA (and you may too…without realising it!)
wmn.de – Aphantasie-wenn-man-innerlich-nichts-sieht

Tests

Praxisvita – Test Aphantasie
Exeter -Anmeldung zu einem Test (englisch)

webseite

aphantasia – guter Erfahrungsaustausch (englisch)

HyperVerwandte Beiträge

Aphantasie und Hyperphantasie
Das eidetische (fotografische) Gedächtnis
Noack-Hypnose-Berlin.de – Hypnose und Aphantasie

Autorin

Susann
Susann
Schon als Kind war ich verzaubert von der Musik und Technik, die mir erlaubte noch mehr Klänge zu hören.
In der Schule, gerade im Abitur, lernte ich Worte immer mehr zu schätzen und hinterfrage Sprache, Worte und Zeichen aktiv.
Ab 2017 trat dann der Komplex Gesundheit vermehrt in unser Leben.

Primär werde ich zu diesen meine Gedanken kundtun. Mit zunehmender Beschäftigung damit fiel mir auf, dass diese Bereiche nicht so voneinander abgegrenzt sind, wie man vielleicht denken könnte.

Das eine führt zum nächsten und alles verbindet sich.

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

Antworten